Eine Frage, die mich in letzter Zeit beschäftigt hat: Warum gibt es Arbeiter, Arbeitslose oder Alleinerziehende, die die AfD wählen? Wie kommt es, dass sich Menschen für eine Partei begeistern, von deren neoliberaler Sozial- und Wirtschaftspolitik sie höchstwahrscheinlich in keinster Weise profitieren, im Gegenteil, von deren Einschnitten im Sozialsystem sie hart getroffen würden? Warum wählen Menschen scheinbar irrational (zumindest in meinen Augen)? Geht es nur um Protest, darum, den etablierten Parteien den Stinkefingerfinger zu zeigen? Ist die Logik bei vielen: So lange es den Flüchtlingen noch schlechter geht, ist mir alles andere egal?

Die Erkenntnisse eines französischen Soziologen und einer deutschen Sprachwissenschaftlerin fand ich in diesem Zusammenhang besonders spannend:

In seinem Buch „Rückkehr nach Reims“* beschäftigt sich Didier Eribon u.a. mit der Frage, warum seine Familie, die der Arbeiterklasse angehört, heute nicht mehr die Kommunisten, sondern den rechtsextremen Front National wählt. Er schreibt:

„Halten wir jedenfalls fest, dass eine politische Wahl häufig – und das betrifft alle Wähler – nur eine partielle ider indirekte Zustimmung zur Programmatik der gewählten Partei oder des gewählten Kandidaten ausdrückt. Als ich meine Mutter darauf ansprach, dass sie mit ihrer Stimme eine Partei unterstützte, die gegen das Recht auf Abtreibung kämpfte (obwohl sie wie ich wusste, schon einmal abgetrieben hatte), antwortete sie mir nur: „Das ist was anderes, dafür hab ich die doch nicht gewählt.“ Wie unterscheidet man in solchen Fällen die für die individuelle Wahl relevanten Faktoren von den nebensächlichen? Das Wichtigste ist wohl, dass man sich, und sei es auf unvollständige oder unvollkommene Weise, als Individuum oder Kollektiv repräsentiert fühlt, und das heißt unterstützt von denen, die man durch seine Wahlstimme unterstützt. Dass man den Eindruck hat, durch eine überlegte Wahlentscheidung politisch zu existieren und einen Unterschied machen zu können.“

Dieses Interview mit Didier Eribon in der Zeit ist ebenfalls sehr lesenswert.

Über die Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling bin ich beim, ähem, zappen gestolpert:

„Was bewegt den Menschen politisch? Und tatsächlich, der Mensch entscheidet sich nicht nach dem faktischen Eigeninteresse, sondern er entscheidet sich nach der Wertehaltung. Wer bin ich? Wie sollten Menschen sein? Was tut der Gemeinschaft gut? Wo fühle ich mich glücklich in einer Gruppe, weil ich das Gefühl habe, jeder hat richtig gehandelt. Und wo reibe ich mich total innerlich, weil ich das Gefühl habe: das ist hier nicht koscher, irgendwie tun wir einander nicht gut. Da liegt der Hund begraben in der politischen Entscheidung: nicht bei den Fakten, und nicht beim Eigeninteresse.“

*hier gekauft.